„WAAhnsinn“: Die Aufarbeitung steht aus

04.02.18 von Heinz Gläser

Peter Gauweiler und Hans Schuierer diskutieren über Wackersdorf und die Folgen. Die Fronten sind beinahe unverändert. 

REGENSBURG. Die Wunden, die damals geschlagen wurden, sind nicht verheilt. Sie sind höchstens vernarbt. Und sie brechen immer wieder auf. So auch bei der Podiumsdiskussion unter dem Titel „30 Jahre nach dem WAAhnsinn“ am Donnerstagabend in unserem Medienhaus.

Unter der Leitung von MZ-Redakteurin Jana Wolf diskutierten zwei prägende Figuren jener Tage, der damalige Schwandorfer SPD-Landrat Hans Schuierer (86), und Peter Gauweiler (68), ab Oktober 1986 CSU-Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, über das Thema: „Was von Wackersdorf bleibt.“ Die Antwort kann nach kontroversen Debatten vor 130 Zuhörern im vollen Saal nur lauten: Kaum etwas ist vergessen, noch weniger ist verziehen. Die Geschehnisse im Kampf um den Bau einer atomaren Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in der mittleren Oberpfalz bleiben für die Region ein Jahrhundertthema, an dem sich noch heute die Menschen reiben. Die Diskussion war mithin Teil der Bewältigung einer Vergangenheit, die dem Gros der Zuhörer auch mit diesem zeitlichen Abstand sehr präsent ist.

Kein Wort der Entschuldigung

„Tausenden von Leuten ist Unrecht geschehen. Und ich habe noch kein Wort der Entschuldigung aus München gehört“, kritisierte Schuierer.

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Alles andere liefe auf eine Kapitulation dieses Rechtsstaats hinaus, so Gauweiler: „Wenn wir Versammlungen nicht mehr in den Griff bekommen können, dann können wir aufhören.“

Berüchtigter Prügeleinsatz

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„Es gab in der Zeit, die ich zu verantworten habe, nur einen groben Vorstoß“, sagte Gauweiler zum berüchtigten Prügeleinsatz Berliner Polizeikräfte am Wackersdorfer Bauzaun. Und in diesem Fall seien umgehend Strafanzeigen gegen die Beamten erstattet worden. In diesem Punkt deckten sich Schuierers und Gauweilers Erinnerungen nicht. Der ehemalige Landrat weiß zwar von rund 4000 Verfahren gegen WAA-Gegner, von Sanktionen gegen Polizisten sei ihm aber nichts bekannt, wie er anmerkte – mit einer Ausnahme: Gegen einen Beamten, der einen Polizeihund auf ihn gehetzt habe, sei eine Geldstrafe von 800 Mark verhängt worden.

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Ein Kardinalfehler der CSU sei es gewesen, dieses atomare Großprojekt nicht zu Beginn der Achtziger der bayerischen Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt zu haben. „Ich würde nicht darauf wetten, dass wir einen Volksentscheid 1980 verloren hätten.“ Dann wäre die WAA plebiszitär legitimiert gewesen, vermutet Gauweiler. So aber habe sich die gesellschaftliche Grundstimmung in diesen Jahren völlig gedreht. Im Gefolge der Reaktorkatastrophe im US-amerikanischen Harrisburg und vor allem nach Tschernobyl seien die Kernkraft und die Wiederaufarbeitung der Bevölkerung immer schwerer zu vermitteln gewesen. Die CSU habe sträflich „unterschätzt, dass die Stimmung kippt. Die Debatte ist inhaltlich gar nicht geführt worden.“

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Der Stachel sitzt bis heute tief: „Wir“, also die Staatsregierung und die CSU, „standen wie die Deppen da!“ Trotzdem, und auf dieser Feststellung beharrt der 68-Jährige: „Ich glaube, dass die Anlage polizeilich durchgesetzt worden wäre, wenn die Betreiber ihrem Konzept treu geblieben wären.“

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Hans Schuierer trug zur Diskussion ähnlich bedrückende Szenen bei, etwa den gezielten Abwurf von Gasgranaten aus Polizeihubschraubern auf Fahrzeuge des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) bei den schweren Auseinandersetzungen an Pfingsten 1986.

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Hans Schuierer rekapitulierte seinen Wandel vom vorsichtigen WAA-Befürworter zum strikten Gegner. 3600 neue Arbeitsplätze: „Tolle Sache!“ Doch erste Gespräche mit Vertretern der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) hätten ihn mehr als stutzig gemacht. Für was denn der 200 Meter hohe Kamin in den Bauplänen gut sein solle, habe er gefragt – und zu seiner Verblüffung diese Antwort erhalten: „Damit die radioaktiven Schadstoffe möglichst weit verteilt werden.“ Von wegen „Fahrradspeichenfabrik“, wie seinerzeit das geflügelte Wort von Franz Josef Strauß selig lautete.

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War die WAA als Einstieg in die Plutoniumwirtschaft gedacht, sollte sie eigentlich primär den Weg zu der vom frühen Franz-Josef Strauß ersehnten deutschen Atombombe ebnen?

Offene Fragen bleiben. Verwundungen sowieso. Die Lehre aus der gut zweistündigen Podiumsdiskussion an diesem „Kamerad-weißt-Du-noch-Abend“ (Gauweiler) lautet: In Sachen WAA steht die Aufarbeitung auch Jahrzehnte danach noch aus; die Aufarbeitung in den Köpfen, aber vielleicht mehr noch in den Herzen.

Quelle, ganzer Artikel, Bilder und ein Videomitschnitt (2:06:37 Std.): www.mittelbayerische.de

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